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Gablonzer Christbaumschmuck
Experten-Wissen

GABLONZER CHRISTBAUMSCHMUCK – INNOVATIONEN IN PERLENFORM

- von Bettina Stefani

Keine andere Zeit im Jahr ist so stark von traditionell christlichen Bräuchen geprägt wie Weihnachten. Ein Highlight für viele: Der reichlich geschmückte Weihnachtsbaum, der in den kalten Dezembertagen unsere Wohnzimmer beleuchtet und wohlig warmen Tannenduft verbreitet. Die Vorlieben für Christbaum-Dekorationen können dabei sehr unterschiedlich ausfallen. Eine für Vintage LiebhaberInnen sowie SammlerInnen interessante Version stellt der Gablonzer Christbaumschmuck dar.

Tradition aus Gablonz

Seit rund 150 Jahren entzückt das Traditionsunternehmen mit beeindruckender Detailverliebtheit und Formenvielfalt. Grund genug, die Unternehmensgeschichte etwas genauer unter die Lupe zu nehmen.
 

Erste Glashütten- und Schleifereien entstanden in Böhmen im Jahr 1550. Aufgrund des enormen Holzbedarfs, der für das Heizen der Glasöfen notwendig war, waren die Glashütten im 18. Jahrhundert gezwungen, sich immer höher in die Berge zurückzuziehen. Neben den Glashütten und -schleifereien waren in der kargen Landschaft des Riesen- und Isergebirges die Erwerbsquellen rar, sodass bald eine immer größere Spezialisierung in Richtung Veredelung und Dekoration von Glaserzeugnissen stattfand. So verlegten 1711 auch die Brüder Fischer ihre Erzeugung farbiger Gläser nach Böhmen und schufen so die perfekten Voraussetzungen für eine florierende Glaswaren- und Bijouterie-Industrie in Gablonz.
 


Zahlreiche Gablonzer Familienbetriebe schufen mithilfe von Öl-Lämpchen aus den Glasrohr-Halbfabrikaten der Glashütten die sogenannten Glashohlperlen, später blies man diese mit einer Art Bunsenbrenner auf – es entstanden die frei aus der Hand, also ohne formgebende Hilfsmittel geblasenen Freihandperlen. Erleichtert wurde dieses Verfahren durch eine später in der Region entwickelte Perlenform-Maschine. Damit konnten bis zu zehn Zentimeter lange, sogenannte Klautschen, die aus aneinandergereihten Formperlen bestanden, hergestellt werden. Getrennt wurden diese Perlabschnitte dann mit einem Feilmesser, bevor sie mit echtem Silber- oder Farbeinzug behandelt wurden.
 

Kreative Parade der Neuerungen

Die Perlen aufzublasen oblag durchweg den männlichen Familienmitgliedern, die Aufgabe der Frauen bestand darin, diese zu verschiedenen Formationen aufzufädeln. Entstanden sind vorwiegend Miniatur-Nachahmungen von Alltagsgegenständen, Darstellungen der Fauna, technische Innovationen (Zeppelin, Eisenbahn, Auto) und Fantasiegebilde. Die entstandenen Anhänger erzählen immer auch die Geschichte ihrer Entstehungszeit; was neu war, war es auch wert in Perlenform dargestellt zu werden.

Gablonzer Christbaumschmuck Christbaumschmuck-Konvolut, Gablonz, Lauscha u. a., vornehmlich um 1900 und später, u. a. verschiedene Anhänger aus kleinen Perlen, Kugeln und Stäben © Dorotheum
Christbaumschmuck aus Gablonz Gablonzer Christbaumschmuck, aus bunten Glasstäben und Hohlperlen, Böhmen, 20. Jahrhundert © Dorotheum
Gablonzer Christbaumschmuck Gablonzer Christbaumschmuck, 7 Stück: Eidechse, Fahrrad, Fischreuse, Glockenturm, Luster, Insekt, Ornament © Dorotheum
Christbaumschmuck aus Gablonz Fahrrad, Glockenturm, Krabbe aus einem Konvolut Gablonzer Christbaumschmuck aus bunten Glasstäben und Hohlperlen, Böhmen 20. Jahrhundert © Dorotheum
Christbaumschmuck aus Gablonz Gablonzer Christbaumschmuck, 7-teilig, aus farbigen Hohlglasperlen, Glasstäben und Zierdraht, erste Hälfte bis Mitte 20. Jahrhundert © Dorotheum
Christbaumschmuck aus Gablonz Flugzeug und Auto aus einem Konvolut Gablonzer Christbaumschmuck, Glashohlperlen, -kugeln und -stäbe © Dorotheum
Christbaumschmuck aus Gablonz Gablonzer Christbaumschmuck 8-teilig, aus farbigen Hohlglasperlen, Glasstäben und Zierdraht, drittes Viertel 20. Jahrhundert © Dorotheum


Weil der Konkurrenzkampf der Familien um die originellste Gestaltung glitzernder Christbaum-Anhänger so groß war, wurde eine enorme Vielfalt an Formen hervorgebracht. Mit dem Ausgangsmaterial, der Glashohlperle, konnte derart modulartig gearbeitet werden, dass der Formenvielfalt keine Grenzen gesetzt waren. Vom Flugzeug bis zum Nudelholz wurde alles in Miniaturform für den Christbaum nachgebaut.

Beginn der Gablonzer Industrie
 

Mit der Gründung eines exportorientierten Herstellungs- und Vermarktungsnetzwerks, der sogenannten Gablonzer Industrie, nahm der Verbund aus circa 4.000 Betrieben Mitte des 19. Jahrhunderts eine respektable Stellung am Weltmarkt ein. Die Gablonzer Industrie umfasste neben der Herstellung von Christbaum-Anhängern auch die Produktion von Mode- und Imitationsschmuck sowie Schmucksteinimitaten und Glaskurzwaren aller Art.

Die Nachfrage war bald so groß, dass täglich drei Frachtzüge, beladen mit Gablonzer Glaswaren die Fertigungsstätte verließen, um den internationalen Markt zu bedienen. Die Hochzeit des Gablonzer (Christbaum-)Schmucks war zweifelsohne die Zwischenkriegszeit, denn über alle Kontinente hinweg waren Waren aus Gablonz mittlerweile zu begehrten Handelsobjekten geworden. Während des Zweiten Weltkriegs wurden die spezialisierten Handwerksbetriebe großteils einer Zwangsumsiedlung unterzogen und somit in den wirtschaftlichen Ruin getrieben.
 


Neuansiedlungen fanden sowohl in Teilen Deutschlands als auch in Österreich, vor allem im Raum Enns und Kremsmünster, statt, wo bis heute Christbaumschmuck produziert wird. Die größte Neuansiedlung erfolgte in Kaufbeuren und führte sogar zur Gründung eines neuen Stadtteils, der seit 1952 Neugablonz heißt.

Schmuck und Symbol

Neben ihrem schmückenden Charakter liegt den verschiedenen Motiven meist eine Symbolik zu Grunde. Die Christbaumkugel in ihrer klassischen, runden Form zum Beispiel, symbolisiert sowohl die verbotene Frucht aus dem Paradies, als auch die Vollkommenheit und Göttlichkeit.
 

Schätzmeister-Tipp:

Auch heute noch werden die Christbaumanhänger nach altem Vorbild in Handarbeit hergestellt. Was diese von den Ursprünglichen unterscheidet, ist oft nur das Erscheinungsbild: Die Wachsreste, der Rost, der sich an den Drähten gebildet hat, und die abgeblätterte Silberschicht sind es, die auf ein älteres Entstehungsdatum hinweisen und beim Verkauf einen höheren Preis einbringen.
 


Während Anhänger aus der Neuproduktion zwischen fünf und zwanzig Euro kosten, werden für alte Stücke in Auktionen bis zu 200 Euro bezahlt. Auch in Hinblick auf die Nachhaltigkeit ist es durchaus sinnvoll in solch charmante Second-Hand-Stücke zu investieren.
 


Neben den Christbaum-Anhängern aus Hohlglasperlen werden - von der Firma Gablonzer - auch Anhänger in Kugelform und andere Figuren vertrieben.
 

Um Kunden ganzjährig anzusprechen, wurde mittlerweile auch Schmuck für den Osterbaum ins Sortiment aufgenommen. Der bewegten Geschichte der (Neu)Gablonzer Glaswarenindustrie widmet sich das eigens dafür eingerichtete Isergebirgs-Museum in Neugablonz, welches BesucherInnen rund um das Jahr offensteht.


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